Der Ernst des Lebens geht weiter

Das hier ist quasi der zweite Teil von meinem ersten Blog. Viel Spaß!

Die Situation in der Schule begann für mich immer eigenartiger zu werden. Wir kamen in die zweite und später in die dritte Klasse. Einige Kinder konnten immer noch kaum lesen oder rechnen.

Für mich war das teilweise sehr anstrengend, da ich zu Hause viel las und zu Weihnachten und zum Geburtstag oft Bücher geschenkt bekommen hatte (Es handelte sich hierbei natürlich nicht um Goethe, Schiller oder Bertolt Brecht, aber um Grusel- und Pferdegeschichten, die damals für mich sehr spannend waren.) und somit schon gut lesen konnte. Wenn ein Kind einen kleinen oder längeren Text vorlesen sollte, langweilte ich mich bei nahe zu Tode und passte nicht mehr auf, an welcher Stelle wir waren, weil ich den Text schon durch gelesen hatte, bevor das andere Kind mit dem ersten Satz fertig war. Ich denke, dass ich für eine Drittklässlerin ein gutes Lesetempo hatte. Viele andere waren viel langsamer und kamen im Unterricht kaum mit. Ich konnte es immer noch nicht verstehen, was daran so schwierig war zu lesen. Oder zu rechnen.

Erst schrittweise begann ich über die Jahre alles zu verstehen. Ich war in einer eher primitiven Gegend aufgewachsen, in der einige Familien Probleme hatten bzw. Eltern sich nicht sehr intensiv mit ihren Kindern beschäftigten.                              Eine Szene werde ich nie vergessen können. Ein Junge aus meiner Klasse erzählte mir, dass er einen Bruder hatte, dies aber nicht sein richtiger Bruder sei. ,,Wie das?", fragte ich. ,,Wir leben in der gleichen Familie, aber wir sind keine Geschwister." (Ich hatte immer noch nicht verstanden, was er damit meinte) Ich fragte nochmals nach:,, Habt ihr nicht die gleichen Eltern?". Er antwortete mir:,, Nein, wir sind von verschiedenen Eltern und leben in einer Pflegefamilie."...

Darauf sagte ich nichts. Eine Pflegefamilie? Was sollte das sein? Waren seine Eltern tot oder sowas? Kommt man dann nichts ins Kinderheim?

Einige Jahre danach erst fand ich heraus, dass es in meinem Dorf viele von diesen Pflegefamilien gab und was das genau war. Viele Kinder aus diesen Familien zeigten oft ein eher fragwürdiges Verhalten. Sie waren laut, ungezogen und taten einfach, was sie wollten. Außer dieser Junge. Er war nie laut und benahm sich, soweit ich weiß, immer gut. Ich mochte ihn. Er war nicht wie die anderen Jungs, die einen schubsten oder in den Rücken traten oder versuchten deine Sachen kaputt zu machen. Er lachte wenig.

 

15.9.14 14:33

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